Meinung

Ein Deutschland, das niemandem gehört – kann man es lieben?

Darf man sein Land lieben oder nicht? Und kann man es überhaupt lieben, wenn man nicht das Gefühl haben darf, dass es das eigene ist? Wie soll ein Land funktionieren, das niemand mehr liebt? Wie ein vernachlässigtes Kind?
Ein Deutschland, das niemandem gehört – kann man es lieben?Quelle: www.globallookpress.com

Von Dagmar Henn

Das ist ein bösartiger Text, dieser Kommentar von Naika Foroutan im Focus. Die Überzeugung, die er wiedergibt, lässt sich Tag für Tag ablesen: an den Straßen, am Zustand des Ahrtals zwei Jahre nach der Flut, an Berliner U-Bahn-Stationen, an den Obdachlosen, die in Hauseingängen schlafen, ebenso wie am zerfallenden Gesundheitssystem oder an der sich ankündigenden Bildungskatastrophe. An einer Quadratmeter für Quadratmeter spürbaren Lieblosigkeit:

"Dieses Land gehört per se niemandem."

Ja, genauso sieht es aus. Ein Land braucht nämlich Menschen, die es, die sie lieben und denen es etwas bedeutet. Die bereit sind, Zeit und Mühe aufzuwenden, damit es besser, schöner wird. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, kann man den Unterschied erkennen. Was einem gleichgültig ist, das lässt man verfallen. Was man liebt, das versucht man zu bewahren.

"Deutschland ist das Land seiner Einwohner und Einwohnerinnen. Es gehört niemandem per se, weil er oder sie Urahnen hatten, die schon immer hier gelebt haben. Etabliertenrechte prallen also auf Neuaushandlungen und die Erwartungen der Gleichbehandlung – jenes grundgesetzliche Versprechen, das in Artikel 3 des Grundgesetzes verankert ist."

Eine widerliche Vermischung völlig unterschiedlicher Fragen. Zuerst: es dürfte kaum einen Quadratmeter in Deutschland geben, der nicht jemandem gehört. Fragen Sie mal Ihren Vermieter. Oder versuchen Sie, ihm zu erklären, dass Deutschland "niemandem per se" gehöre. Ach, Verzeihung, Sie haben ja eine Professur inne, da leben Sie bestimmt in einer Eigentumswohnung. Na denn, fordern Sie doch, das Grundbuch zu verbrennen!

So konkret ist das natürlich nicht gemeint. Eher ideell. Aber auch da spielt diese Frage eine Rolle. Denn es gibt eine eigenartige Nebenwirkung, wenn man die Vorstellung vertritt, eigentlich dürfe jeder ab dem Moment, an dem er im Land ist, alle Rechte gleichermaßen in Anspruch nehmen. Das Grundgesetz fordert Gleichbehandlung, außer in einer Frage: es gibt Rechte und Pflichten, die nur Staatsbürger betreffen. Und es gibt – wenn auch in stetig geringerem Maße – noch Eigentum, das alle Staatsbürger miteinander besitzen. Früher waren das einmal Bahn und Post, die Bundesstraßen, alle Gebäude, alle Materialien, jedes Stück der Bundesverwaltung, bis hinunter zu Bürostühlen und Heftklammern. Dieses gemeinsame Eigentum unterlag auch der gemeinsamen, der politischen Entscheidung.

Das ist auf den Ebenen darunter ebenso. An diesem Punkt behandelt auch das Grundgesetz nicht gleich. Das Wahlrecht ist – zumindest auf der Bundesebene – an die Staatsbürgerschaft geknüpft und an die Volljährigkeit. Der Hintergrund ist durchaus auch, dass die Menschen wissen sollten, worüber sie entscheiden.

Interessanterweise sind es gerade die Vertreter des "Deutschland gehört niemandem", die gerade eben dieses kollektive Eigentum als störend empfinden. So wie den Patriotismus. Die Konsequenz dieser Vorstellung ist aber mitnichten ein Zustand größerer Freiheit. Im Gegenteil. Die Preisgabe des Anspruchs auf die Nation, die in dieser Aussage liegt, resultiert letztlich in der völligen Auslieferung an die Konzerne und die großen Vermögen.

Dass die Nation mit der französischen Revolution entstand, hat Sinn. Der Schritt von der feudalen zur nationalen Verfassung war jener, den einzelnen Bürger vom Zustand der Beute in den des Teils einer größeren Gruppe zu versetzen, die grundsätzlich besser davor geschützt ist, Beute des einen oder anderen Feudalherren zu werden. Die heutigen Feudalherren heißen Gates oder BlackRock. Das Ergebnis ist das gleiche, wie es in früheren Jahrhunderten war: Ohne eine kollektive Identität sind die Armen den Reichen völlig ausgeliefert, ohne das kollektive Eigentum entfällt der materielle Schutz.

Und niemand hat eine Antwort auf die Frage, wie Integration funktionieren soll, wenn in manchen Grundschulen 80 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Zugegeben, auch den gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen. Aber wie heißt es in dem Artikel: 40 Prozent der selbst Zugewanderten sind in den letzten zehn Jahren gekommen.

Wie lange dauert es, bis man durch eine Stadt geht und sagt, "das ist meine Stadt"? Wieviel muss man über ein Land wissen, um es hüten, es zum Blühen bringen zu wollen? Deutschland habe sich "in den letzten zehn Jahren zum zweitgrößten Einwanderungsland direkt hinter den USA entwickelt".

Wer behauptet, die Einwanderungsgeschichte der USA sei unproblematisch, sollte mal die Ureinwohner fragen oder noch einmal alle drei Folgen des "Paten" sehen. Ganz zu schweigen davon, dass es eine große Gruppe unfreiwilliger Einwanderer gibt, deren Vorfahren dorthin verschleppt wurden. Und trotz der lautstarken Verwendung nationaler Symbole, trotz des Eides, der bei Erlangen der Staatsbürgerschaft abgelegt werden muss, trotz der langen Erfahrung mit Einwanderung sind auch die USA gerade dabei, zwischen Vernachlässigung und Migrationsströmen unterzugehen.

Deutschland hat aber viel schlechtere Karten, was das angeht, denn es gibt ja nicht einmal das Angebot, wie man deutsch sein könne. Mehr noch, die Position, die dieser Kommentar vertritt, lautet, dass selbst eine solche Anforderung anstößig sei.

Vor vielen Jahren gab es einen kurzen Sketch des Komikers Kaya Yanar, in dem er einen Einbürgerungstest simulierte. Die Frage: "Was war zwischen 1933 und 1945?" Seine Antwort: "Ich kann mich nicht erinnern." "Bravo, Sie haben bestanden."

In drei Sätzen eine komplexe Situation, die viel Wahrheit enthielt. Den widersprüchlichen Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit und gleichzeitig die ironische Akzeptanz dieser Anforderung durch den Schauspieler, der diesen Moment darstellte. Da war die Möglichkeit zu jener Zuneigung, die so nötig ist.

Wer eine Professur für Migrationsforschung innehat, sollte sich darüber im Klaren sein, dass Migration kein Zuckerschlecken ist. Selbst unter den besten Voraussetzungen nicht. Es gibt Untersuchungen, die besagen, sein Land hinter sich zu lassen und in einem neuen anzukommen, sei so belastend wie der Tod eines nahen Angehörigen.

"Diese Dynamik überfordert viele Menschen. Viele Menschen haben das Gefühl, ihr 'eigenes' Land nicht mehr wiederzuerkennen. Zu Recht, möchte man sagen – denn es sieht anders aus, es ist jünger geworden, es spricht anders, es isst anders, es betet anders, als früher. Doch sie vergessen: Dieses Land gehört per se niemandem."

Sicher gibt es stetige Veränderung. Aber man sollte ehrlich zugeben, es gibt Veränderung nicht nur zum Guten. Und Integration hat zur Voraussetzung, dass es etwas gibt, in das integriert wird. Man kann von anderen ein Land lieben lernen und es zur eigenen Heimat machen.

Wenn das Gegenüber selbst diese Liebe nicht kennt, kann es sie auch nicht vermitteln. Wenn die Deutschen ihren Heine, ihren Brecht nicht mehr kennen und die Menschen, die kommen, nichts aus ihren Herkunftsländern mitbringen, das sie ebenso schätzen, dann ist das Ergebnis keine Integration mit wechselseitiger Bereicherung, sondern schlicht ein unsortierter Haufen ausgelieferter Menschen, die sich gegen nichts zur Wehr setzen können, weil sie nicht einmal miteinander kommunizieren können. Es gibt viele Wege, Fremdheit zu überwinden. Nur, wenn man selbst nicht weiß, wer man ist, gibt es keinen.

Das Deutsche hat mit dem altertümlichen Wort "Staatsdiener" einen interessanten Begriff, über den auch eine Professorin Foroutan einmal nachdenken sollte. Schließlich ist sie als Beamtin auch damit gemeint. Wer oder was ist das, dem dieser Dienst gilt?

Dass ein Bildungssystem überfordert ist, wenn die Mehrheit der Kinder einen Migrationshintergrund hat, sollte nicht verwundern. Das ist eine andere Variante der gleichen Frage. Jede Integration braucht ein Wohin. Man kann auf diesem Weg vieles falsch machen. Die deutliche Zunahme von Sexualstraftaten nach 2015 lag nicht nur am jugendlichen Alter der Zuwanderer oder an der Tatsache, dass es oft eben gerade nicht die "modernen" Bewohner des Landes waren, die gekommen sind (was die schräge Debatte über Eis essende Frauen jüngst wieder ins Gedächtnis rief). Es lag auch daran, dass im Herbst 2015 in den Unterkünften nicht eingeschritten wurde, als dort Flüchtlingsfrauen von Flüchtlingen misshandelt und sexuell belästigt wurden. Flugblätter wirken eben weitaus weniger als die konkrete soziale Erfahrung, und dieser Umgang vermittelte die Botschaft, in der deutschen Gesellschaft sei das kein Problem.

"Die Wirtschaftsweise Schnitzer" fordere "1,5 Millionen Zuwanderung pro Jahr", damit im Saldo "mindestens 400.000 übrig bleiben". Bis heute haben noch nicht einmal die Flüchtlinge des Jahres 2015 alle eine richtige Wohnung. Man kann vieles machen, aber dafür müssen die richtigen Strukturen da sein, da muss man Geld aufwenden und Verstand – insbesondere, wenn dann doch ein großer Teil der Ankommenden nicht lesen und schreiben kann. Das kann nur dann überhaupt gelingen, wenn die nötigen Entscheidungen von Menschen gefällt werden, die ihr Land lieben. Und die am besten auch die Menschen ihres Landes lieben, was keineswegs heißt, unkritisch zu sein.

Es gibt nämlich zwei grundverschiedene Arten der Gleichbehandlung. Ich kann verschiedene Menschen gleichermaßen lieben, und verschiedene Menschen können mir gleichermaßen gleichgültig sein. Die Ergebnisse sind völlig unterschiedlich. Ginge es um das gleichermaßen Lieben, hieße der Satz "Deutschland gehört allen". "Deutschland gehört niemandem" ist eindeutig die Version der Gleichgültigkeit.

Werfen wir einen Blick in die deutsche Literatur. Brechts Kinderhymne war 1990 im Gespräch als neue Hymne, als Zeichen, dass die beiden Teile ein neues Land ergeben (so, wie das dann tatsächlich ablief, geradezu ein Glück, dass dieses Vorhaben scheiterte). Darin wird in der letzten Strophe konstatiert:

"Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's.
Und das liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs."

Wäre das nicht eine vernünftige Grundlage für ein Zusammenleben?

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