Meinung

Bürgerlicher Stalinismus: Die Universität Bonn und die Causa Guérot

Der erste größere Sturm gegen die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot scheint sich gelegt zu haben; die Karawane zieht weiter und sucht sich ihre nächsten Opfer. Doch das Unvermögen, mit abweichenden Auffassungen umzugehen, bleibt bestehen. Zeit für den Versuch einer Zwischenbilanz.
Bürgerlicher Stalinismus: Die Universität Bonn und die Causa Guérot© Jens Kalaene/dpa

Von Mirko Lehmann

Eigentlich war die Sache durch. Doch nun hat die NZZ noch einmal übel nachgetreten und nicht nur die mutige Politologin angegriffen, sondern auch die Universität Bonn wegen einer Erklärung, die auf Ulrike Guérot gemünzt ist, heftig gerügt. Denn die Distanzierung der Universität von Guérot ging der vermeintlich liberalen Schweizer Zeitung nicht weit genug. Dabei ist der NZZ-Kommentar geradezu prototypisch für den westlich-transatlantischen, heuchlerischen Umgang mit dissidenten Stimmen: Es bleibe zwar, heißt es darin jovial, Guérots "gutes Recht", ihre "Ansichten" zu äußern, und die NZZ gesteht ihren Lesern sogar zu, davon zu halten, "was man will". Soll man ernstlich dafür dankbar sein? Denn tatsächlich ist es nicht weit her mit der demonstrativen Offenheit. Anspruch, Selbstbild und gesellschaftliche Realität, hier die der Presse- und Meinungsfreiheit, klaffen weiter denn je auseinander. Keiner der beflissenen Mainstream-Kommentatoren hat sich auf die Seite Guérots geschlagen. Alle waren darum bemüht, den Meinungskorridor knalleng und auf NATO-Linie zu halten. Nebenbei: Von der Blockfreiheit der Schweiz, gar von Neutralität ist bei der NZZ auch nichts mehr zu spüren.

Spielen wir den Fall einfach mal mit umgekehrten Vorzeichen durch: Wäre Ulrike Guérot sowohl in Sachen Corona als auch zum Ukraine-Krieg auf Linie geblieben, keiner ihrer ach so um wissenschaftliche Standards besorgten Kritiker wäre auf die Idee gekommen, an Zitaten und fehlenden Nachweisen in den Büchern Guérots herumzumäkeln (die Wissenschaftlerin hat diese Fehler notabene inzwischen eingestanden). Und sicher hätte es keine Pressemitteilung der Universität gegeben.

Bonner Misere – exemplarisch

Wobei der Duktus ebendieser Bonner Presseerklärung unter dem seltsam vagen Titel "Stellungnahme zu öffentlichen Äußerungen eines Mitglieds der Universität" verstörende Assoziationen wachrufen kann. Fehlende Namensnennungen, dafür eindeutige Anspielungen, die Anrufung von vermeintlichen Standards und nicht zuletzt die Androhung von schärferen Sanktionen – all das gab es schon einmal. Woran erinnert diese Praxis der Andeutungen? Eben an jene Phasen im "real Existierenden", dessen Zusammenbruch die westlichen Liberalen und Antikommunisten aller Couleur nicht müde werden zu feiern. Dabei bedienen sie sich im Kleinen wie im Großen, wie man heute und an diesem aktuellen Beispiel sehen kann, durchaus vergleichbarer Herrschaftstechniken. Welche sie, solange der europäische Sozialismus existierte, wortreich beklagten – und die sie auch nach dessen Ende nicht aufhören zu geißeln. Diese Praxis lässt sich auf die Formel "bürgerlicher Stalinismus" bringen, wie es die Ost-West-Wochenzeitung der Freitag, als sie noch Günter Gaus verpflichtet war, in den Nullerjahren einmal nannte.

Die ebenso stereotypen wie dümmlichen Etikettierungen Guérots müssen hier nicht wiederholt werden. Sie stammen allesamt aus dem Verleumdungsarsenal, das seit dem Putsch in der Ukraine 2014 und der Einführung des Corona-Maßnahmenregimes 2020 von Regierung und angeschlossenen Medien mit Inbrunst gegen Kritiker eingesetzt wird. Wenig überraschend auch, dass der AStA der Universität sich ebenso gegen Guérot stellt, wie nun das Berufungsverfahren – Guérot ist erst seit einem Jahr Professorin in Bonn – aufgerollt werden soll.

Autoritäre Praxis

Eröffnet hatte das Kesseltreiben gegen Guérot im Sommer die Wochenzeitung Die Zeit, die damit auch den Ton für alle weiteren verleumderischen Artikel des Mainstreams setzte. Infamerweise richteten sich die Angriffe gegen Guérot als Wissenschaftlerin und Person. Dazu bediente man sich eines plumpen Tricks, nämlich der Behauptung, ihre Positionen lägen jenseits des "Faktischen", Guérot vertrete also nur Meinungen – und noch dazu "falsche". Daher müsse man sich auch nicht weiter mit der inhaltlichen Kritik Guérots befassen – was beim Publikum zu Zweifeln an der offiziellen Linie führen könnte. Konsequent zu Ende gedacht plädierte der Zeit-Artikel – ausgerechnet unter Berufung auf Hannah Arendt – daher für Zensur gegen missliebige, als "unzulässig" deklarierte Ansichten. Nichts verdeutlicht mehr als genau dieser autoritäre Wunsch, (wissenschaftliche) Wahrheit von oben zu dekretieren, die ganze Verzweiflung der Mainstream-Publizistik und den heruntergekommenen Zustand dessen, was als "Wissenschaft" gilt.

Beinahe komisch wird es, wenn aus dem stromlinienförmig zugerichteten Wissenschaftsmilieu der Vorwurf kommt, Guérot habe sich zu Fragen geäußert, für deren Bewertung ihr "jede Basis" fehle, weil sie weder Russisch noch Ukrainisch spreche und sich auch nicht "mit der Nato befasst" habe. Als ob man inzwischen, um sich mit westlicher Sicherheitspolitik zu beschäftigen – was die Hauptstoßrichtung der Kritik Guérots ist –, Russisch können müsste. Doch Spaß beiseite: Dass ausgerechnet ein Sozial- und Kulturhistoriker, der bislang selber nicht als Sicherheitsexperte aufgefallen ist, Guérot solche Vorhaltungen macht, zeigt den kompletten Unwillen, abweichende Positionen im Wissenschaftsbetrieb zuzulassen.

In Ungnade gefallen zu sein, erweist sich geradezu als wissenschaftliche Auszeichnung für Guérot – Mängel bei Zitaten hin oder her. Denn die Karrieristen und Opportunisten wollen unter sich bleiben – und prügeln auf alles ein, was abweicht, Gewissen zeigt und daran erinnert, dass es auch andere, nicht NATO-affine Positionen geben könnte. Offenbar bleiben nur noch Angriffe ad personam und der ausgiebige Gebrauch von Emotionen und Moral, um von der eigenen inhaltlichen Dürftigkeit und der transatlantischen Monokultur in den postmodern-kulturalistisch gewendeten geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die zu aktuellen Themen fast nur noch Propaganda mit Fußnoten produzieren, abzulenken.

Dabei gäbe es durchaus Grund zu ernsthafter inhaltlicher Kritik an den realitätsfern erscheinenden europapolitischen Konzeptionen Guérots oder auch an ihrem – in Widerspruch zur gegenwärtigen Kampagne stehenden – konventionellen Sprachgebrauch, wie es in der aktuellen Ausgabe des Magazins Vier. gelungen vorgeführt wurde. Doch in der gegenwärtigen Krise der Demokratie sollte die Verteidigung der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit im Vordergrund stehen. Für diese Freiheit ist Ulrike Guérot (und ihr Co-Autor Hauke Ritz) vorbildlich mit Mut und Tapferkeit eingetreten – wofür beiden zu danken ist.

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